Archive for October, 2006

Politik - Die Grünen und Afghanistan

Am 16.10. hat im Bundestag eine öffentliche Diskussion zwischen einigen grünen Bundestagsmitgliedern und Afghanistanexperten unter der Überschrift “Afghanistan auf der Kippe - wie weiter?” stattgefunden, bei der ich zugehört habe.

Hauptprotagonisten waren Winfried Nachtwei (verteidigungspolitischer Sprecher), Claudia Roth, Hans-Christian Ströbele und Winfried Herrmann (eigentlich sportpolitischer Sprecher, aber eben auch Teil des pazifistischen Lagers in der Fraktion). Aktueller Anlass für diese grüne Rückbesinnung auf die Kriegs- und Friedenspolitik ist, dass der Bundestag am 28.09. die Fortsetzung des Bundeswehr-ISAF-Einsatzes beschlossen hat und Ende Oktober der Verlängerungsbeschluss für die deutsche Beteiligung an der Operation “Enduring Freedom” zur Entscheidung ansteht.

Mit den Einzelheiten will ich gar nicht groß langweilen. Deshalb kurz und knackig meine Prognose zum Abstimmungsverhalten der grünen Bundestagsfraktion: Die Grünen haben der ISAF-Verlängerung größtenteils zugestimmt, halten aber eine Verlängerung des Kriegseinsatzes im Rahmen von “Enduring Freedom” mehrheitlich nicht mehr für vertretbar. Diesmal also keine Zustimmung.

Das ist insofern lustig, weil ihnen dieser Gedanke ausgerechnet im ersten Jahr kommt, in dem sie wieder die Oppositionsbank drücken. Als Regierungspartei hatten sie immer fleißig zugestimmt (wenn auch nicht immer einstimmig). Klar ist ohnehin, dass die große Koalition die Verlängerung der “Enduring Freedom”-Mission der Bundeswehr (Marine am Horn von Afrika, KSK in Afghanistan) um weitere zwölf Monate beschließen wird. Allerdings haben die Grünen diesmal keine Macht zu verlieren, wenn sie dagegen stimmen. Pazifismus jetzt im Sonderangebot…

Für die moralische Rechtfertigung der Zustimmung als damaliger Koalitionspartner des Friedenskanzlers musste man aber den “humanitären” Teil der Militärhilfe (also “Regional Reconstruction Teams” der ISAF-Mission in Nordafghanistan) unter allen Umständen aufrecht erhalten und am 28.09. der Verlängerung des ISAF-Einsatzes zustimmen: “Schon allein deshalb, weil man der afghanischen Bevölkerung jetzt nicht den Rücken zuwenden darf.”

Dazu auch kurz meine Meinung: Was auch bei dieser Diskussion unter dem Tisch verschwunden war, sind die Rahmenbedingungen dieser beiden Bundeswehreinsätze. Die USA und ihre Verbündeten (also auch Deutschland) haben Afghanistan einzig und allein aufgrund eigener Sicherheitsinteressen angegriffen. Die Befreiung unterdrückter Frauen und Mädchen, die Demokratisierung des Landes und Freiheit für die Armen und Unterdrückten dieser Welt waren sicherlich nicht das Hauptmotiv (auch wenn Claudia Roth das immer wieder sagt und es wahrscheinlich selbst auch glaubt). Der Krieg gegen den Terror sollte zurück zum Feind getragen und dessen Infrastruktur (die sprichwörtlichen Ausbildungslager von Al Qaida) zerschlagen werden. Nebenbei konnten die USA und alle anderen beteiligten Regierungen Stärke und Entschlusskraft zuhause beweisen, indem man Afghanistan, den Taliban und Al Qaida den Krieg erklärte.Da es aber nicht damit getan sein konnte, Bombenteppiche zu werfen, den hässlicheren Bodenkrieg der Nordallianz zu überlassen, Kabul und Kandahar zu erobern und das Land dann wieder sich selbst zu überlassen, war die anschließende Stabilisierung des Landes im Sinne eines pro westlichen “Regime-Change” von vornherein militärisches Sekundärziel. Ansonsten wären die Ausbildungslager Al Qaidas kurz nach dem Abzug der westlichen Truppen wieder aufgebaut worden.

Diese Aufgabe des “Nation-Buildings” und des “Peace-Keepings” haben dann hauptsächlich die europäischen und kanadischen Verbündeten der USA übernommen. Warum? Weil die USA ihre Truppen schon zügig in den nächsten Krieg gegen die Irak schicken wollten und deshalb dringend Entlastung in Afghanistan brauchten. Ein Angriff auf den Irak war bereits kurz nach dem 11.09.2001 als direkte Reaktion auf die New Yorker Terroranschläge in den USA von der Regierung Bush in Erwägung gezogen worden. Hätten die GIs beide Aufgaben gleichzeitig alleine schultern müssen, wäre die Entscheidung für den Irakkrieg wohl nicht so leicht gefallen.

Die rot-grüne Bundesregierung stand im Herbst 2001 vor der Wahl, sich der Bündnistreue gegenüber den angegriffenen USA zu unterwerfen und zumindest einige der militärischen Anforderungen der Amerikaner zu erfüllen, oder den Bruch mit den USA im Falle einer Weigerung zu riskieren. Sie hat sich in unserer aller Namen für Variante a) entschieden und sich damit außerdem die Möglichkeit eines Neins zum Irakkrieg erkauft. Und wir Deutschen fanden das auch - mit wenigen Ausnahmen - die richtige Entscheidung und die richtige Antwort auf den 11.09.2001.

Jetzt so zu tun, als hätte man nicht ahnen können, dass der Krieg in Afghanistan kein Handstreich werden würde, und dass es keine kurzfristg erreichbaren “Kriegsziele” geben würde, ist scheinheilig. Ehrlicher wäre es als Politiker zuzugeben, dass man vor fünf Jahren den Reflexen gehorcht hat, die Militärbündnisse und kulturelle Nähe zu den USA damals diktierten. Dann müsste man jetzt aber auch der Konsequenz ins Auge blicken, dass uns diese Entscheidung noch auf Jahre hinaus in Afghanistan militärisch und humanitär verpflichtet, und dass man diese Konsequenz mit zu verantworten hat.

Jetzt mit einem Schielen auf mögliche Wählerstimmen wieder auf die “Krieg haben wir nie gewollt”-Schiene zu setzen, wirkt auf mich jedenfalls nicht besonders vertrauenserweckend.

Zur heutigen Situation in Afghanistan aus wissenschaftlicher Sicht: http://www.swp-berlin.org/de/brennpunkte/dossier.php?id=3614

Gute Nacht!

Politik - Deutschland und der Hindukusch

Murat Kurnaz (aka “Bremer Taliban”) hat in einem Interview im letzten Stern berichtet, dass ihn nach seiner Festnahme auch zwei deutsche Soldaten in Afghanistan misshandelt haben sollen. Die einzigen deutschen Truppen in der Nähe des Gefängnisses in Kandahar waren zum damaligen Zeitpunkt Einheiten des KSK (Kommando Spezialkräfte).

Ob diese Schilderung den Tatsachen entspricht, sei dahingestellt. Die Geschichte bietet jedenfalls hervorragenden Anlass, um mal wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass sich der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan keinesfalls darauf beschränkt, Entwicklungshilfe zu leisten und zivile Helfer zu schützen. Auch wenn uns das der “Friedenskanzler” und seine grün-roten Weggefährten im letzten Bundestagswahlkampf am liebsten vergessen lassen wollten.

Fakt ist, dass der Bundestag die Teilnahme deutscher Spezialeinheiten an Kampfeinsätzen in Afghanistan beschlossen und verlängert hat (Bundestagsdrucksachen 14/7296 und 16/26). Mit dem letzten Beschluss im November 2005 wurde der Einsatz bis November 2006 verlängert. Der konkrete Auftrag der KSK-Soldaten lautet “Terroristen auszuschalten,Terroristen gefangen zu nehmen sowie Dritte dauerhaft von der Unterstützung terroristischer Aktivitäten abzuhalten” (Ziffer 3 auf Seite 3 der BT-Drs 14/7296).

Daran sind drei Dinge skandalös:

1. Die deutsche Regierung bezieht offiziell Stellung gegen die Haftbedingungen der Gefangenen in Guantanamo. Andererseits werden deutsche Soldaten im Rahmen der Operation “Enduring Freedom” mit dem konkreten Auftrag “Terroristen auszuschalten oder gefangenzunehmen” amerikanischem Kommando unterstellt. Wo diese Gefangenen wohl so landen?

2. Sämtliche Rahmenbedingungen dieses Einsatzes unterliegen strikter Geheimhaltung. Abgesehen von einer Hand voll Bundestagsabgeordneter, die ebenfalls zum Stillschweigen verpflichtet sind, erfährt außerhalb der Bundeswehr keine alte Sau, was unsere Elitesoldaten am Hindukusch so treiben. Keine Verlustzahlen, keine Angaben über getötete oder gefangen genommene Gegner, nüscht.

Dafür kann man sich zwei Gründe denken: Entweder will die Bundesregierung verhindern, dass die deutsche Beteiligung an Kampfhandlungen öffentlich wahrgenommen wird. Möglicherweise aus Angst davor, dass sich dadurch die Anschlagswahrscheinlichkeit in Deutschland vergrößern könnte. Das wäre reichlich naiv. Die Taliban in Südafghanistan werden wohl mittlerweile mitbekommen haben, dass hin und wieder auch mal deutsche Soldaten auf sie schießen.
Oder die Regierung glaubt nicht, dass die deutsche Öffentlichkeit den Scheiss noch lange mitmachen würde, wenn es keine Geheimhaltung gäbe. Entspräche auch nicht so ganz dem allgemeinen Verständnis von Demokratie…

3. Das Kommando über unsere Elitekrieger hatte zu Beginn des Afghanistankriegs ein ganz besonderer Kommissbruder: Ex-Brigadegeneral Günzel hat sich in öffentlichen Äußerungen hauptsächlich durch Rechtslastiges und ein ungebrochenes Verhältnis zu den Sekundärtugenden und Traditionen der Waffen-SS hervorgetan. Ende 2003 wurde er dann offiziell wegen eines Unterstützungsbriefs an den damaligen Bundestagsabgeordneten Hohmann in den vorzeitigen Ruhestand geschickt. Hohmann hatte zum Tag der deutschen Heimat 2003 eine viel beachtete Rede mit antisemitischen Grundtönen gehalten, die ihn letztlich sein Bundestagsmandat und die Mitgliedschaft in der CDU gekostet hat. Dass Günzel offensichtlich gerne schon vor 55 Jahren dabei gewesen wäre, ist aber niemandem aufgefallen, als man ihm 2000 das Kommando über das KSK übertrug und ihn 2001 zusammen mit ca. 150 Elitesoldaten in den Krieg in Afghanistan schickte.

Was mich an diesem Bundeswehreinsatz so gewaltig nervt ist übrigens nicht unbedingt die Tatsache dass, sondern die extreme Intransparenz und die Bigotterie, mit der das Ganze abläuft. Vielleicht gehts Euch ja ähnlich. Sollte man am besten mal über eine groß angelegte Brief- und Mailaktion ans Kanzleramt, den Bundestag und das Verteidigungsministerium nachdenken, bevor der Einsatz im kommenden November wieder um zwölf Monate verlängert wird…